Fritz (Friedrich) Otterbein, Ein Leben für die Schlitzer Brauerei

von Gustav Peetz

Mit freundlicher Genehmigung : Schlitzer Bote


Fritz Otterbein (1902 – 1986)

Jetzt, zu Beginn eines neuen Jahrhunderts gilt es, vieles Vergessenes in Erinnerung zu rufen und zu bewahren. In der über 400-jährigen Geschichte der Schlitzer Brauerei, eine der ältesten Deutschlands, war Fritz Otterbein die herausragende Persönlichkeit im vergangenen Jahrhundert.Am 10. September 1902 in Schlitz geboren, erwarb er seine kaufmännischen Kenntnisse während einer dreijährigen Lehre bei der gräflichen Rentkammer in Schlitz, die er mit hervorragendem Ergebnis 1919 abschließen konnte. Die gräflichen Betriebe, Güter und Liegenschaften, somit auch die Brauerei, wurden von der Rentkammer verwaltet, hierdurch gewann er schon frühzeitig Einblick in das spezielle Aufgabengebiet der Brauerei. 1919 kam Fritz Otterbein als kaufmännischer Angestellter zur Brauerei, wo er mit der Führung der Bücher betraut wurde.1920 entschied sich der Inhaber der Brauerei, Graf Wilhelm von Schlitz genannt Görtz, mit Ferdinand Otterbein, Inhaber der Brauerei Gebrüder Otterbein in Großenlüder, einen 30-jährigen Pachtvertrag abzuschließen. Für die Schlitzer Brauerei war dies ein Segen und offenbarte den wirtschaftlichen Weitblick beider Vertragspartner.
Durch den I. Weltkrieg hatten beide Brauereien beträchtliche Verluste hinnehmen müssen, die durch diesen Zusammenschluss mehr als ausgeglichen werden konnten. Die Brauerei firmierte hinfort unter „Gräfliche Görtzische Brauerei, Gebrüder Otterbein“. Fritz Otterbein war kein Mitglied der Familie Ferdinand Otterbein, es bestanden jedoch verwandtschaftliche Verhältnisse.
Die dem deutschen Volk nach dem Krieg auferlegten ungeheuren Reparationsleistungen gegenüber den Siegermächten, hatten den Wert der deutschen Mark rapide verschlechtert. Der US $ stieg 1923 in wenigen Monaten von 4,5 Millionen auf 25 Milliarden zur deutschen Mark. Erst mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 wurde das finanzielle Chaos beendet. Eine geringe Erholung der deutschen Wirtschaft konnte frühestens nach der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit 1929 beobachtet werden. Dies war der wirtschaftliche Ausgangspunkt für Fritz Otterbein, als ihn Ferdinand Otterbein 1920 zum Buchhalter ernannte.
Ferdinand Otterbein verstarb 1926. Seine Witwe, Frau Rosalie Otterbein, übernahm den Betrieb, Sie bestimmte ihren ältesten Sohn Arthur zum Geschäftsführer und übertrug Fritz Otterbein als Bürovorstand die Haupt- und Finanzbuchhaltung der Brauerei. Der I. Weltkrieg mit den schlimmen Nachkriegsjahren erlaubte es nicht, dringend notwendige Ersatzbeschaffungen oder gar Erneuerungen von Betriebseinrichtungen vorzunehmen. Erst Anfang der 20-er Jahre hat sich der Markt wieder erholt, doch der Nachholbedarf war so groß, dass sich der Betrieb nur mit dem Notwendigsten versorgen konnte. An größere Investitionen war gar nicht zu denken. Die beiden Altmeister, Heinrich Heil, der schon mit Fritz Otterbein seit 1920 im Betrieb war, sowie der Elektrofachmann Bruno Hofmann, waren wahre Meister im Improvisieren. Ihnen war es zu verdanken, daß die zum Teil schon Jahrzehnte alten Maschinen und Gerätschaften immer wieder betriebsbereit waren. Beide hochverdiente Altvorderen haben sich unschätzbare Verdienste um die Erhaltung des Brauereibetriebs erworben. Bruno Hofmann verstarb 1967, Heinrich Heil 1968.
Das Überleben der Schlitzer Brauerei über zwei Weltkriege hinweg mit den schlimmen und verworrenen Nachkriegsjahren bleibt jedoch der unbestreitbare Verdienst von Fritz Otterbein.Nur wenigen Brauereien war es nach Kriegsende vergönnt für die Besatzungsmächte zu brauen; solche Brauereien wurden von den Besatzungsmächten großzügig unterstützt und hatten frühzeitig die Möglichkeit, ihre Betriebe zu sanieren und verdankten ihren frühen Erfolg dieser einmaligen Gelegenheit.
Es sei auch erwähnt, dass einem Pächter mit befristeten Pachtvertrag nicht zugemutet werden konnte, größere Investitionen für eine ungewisse Zukunft zu riskieren.Nach Ablauf des Vertrages 1950 vereinbarte Graf Otto Hartmann mit Frau Rosalie Otterbein eine Vertragsverlängerung in Form einer GmbH, mit zwei gleichberechtigten Gesellschaftern. Graf Otto Hartmann behielt sich jedoch das Recht vor, den 1. Geschäftsführer zu bestimmen. Arthur Otterbein verblieb für weitere fünf Jahre 1. Geschäftsführer, Dr. Franz Schneider von der Rentkammer wurde zum Stellvertreter ernannt. Die Brauerei firmierte von nun an unter dem Namen „Auerhahn-Bräu Schlitz GmbH“.1955 löste Braumeister Heinrich von Thelemann Arthur Otterbein als 1. Geschäftsführer ab, der zum Stellvertreter ernannt wurde. Arthur Otterbein , der mittlerweile in Frankfurt-Ginnheim eine eigene kleinere Brauerei erworben hatte, konnte nur hin und wieder nach Schlitz kommen. Rentmeister Herbert Thamm wurde kommissarisch mit der Funktion des Stellvertretenden Geschäftsführers betraut.

Ende der 50-er Jahre konnten erstmals größere Investitionen in Angriff genommen werden:
Ein neues Sudwerk, der Austausch des nicht mehr zeitgemäßen Kühlschiffs durch einen Berieselungskühler, ein Verdunstungskondensator zur Wassereinsparung und die Einbringung einer neuen Flaschenreinigungs- und Füllanlage mit einer Leistung bis maximal 3.000 Fl. / Stunde.

Mit diesen Erneuerungen wurde der Neuaufbau der Brauerei praktisch angegangen.
Der Ausstoß war in den Jahren 1955 bis 1960 von 11.000 hl auf 22.000 hl angestiegen, womit die Kapazität der Brauerei restlos erschöpft war. Eine weiter zu erwartende Steigerung war ohne Qualitätsverluste nicht mehr zu verantworten. Die Personalstärke, einschließlich der Niederlassung Fulda betrug:

* Angestellte 10 Personen
* Fuhrpark 10 Personen
* Produktion 31 Personen

In Anbetracht der herkömmlichen Tennenmälzerei, die zum Teil noch manuell betrieben wurde und der gleichgelagerten Brauerei mit den laufend anfallenden Reparaturen und Ausfallzeiten, war eine Personalstärke von 53 Personen nicht zu umgehen. Diese relativ hohe Personalstärke beschränkte dringend notwendige Investitionen.
Heinrich von Thelemann verließ nach 6jähriger Tätigkeit Schlitz, um in Schweden eine neue Aufgabe zu übernehmen. Braumeister Gustav Peetz wurde daraufhin von Graf Görtz mit der Geschäftsführung der Brauerei beauftragt. Arthur Otterbein verblieb als Stellvertretender Geschäftsführer. Der jüngere Bruder, Alfred Otterbein, verstarb 1962. Er war bis zu seinem Tode mit der alleinigen Leitung des Außendienstes betraut.
Durch die geschilderten, zum Teil unvermeidlichen Versäumnisse während der zurückliegenden Jahrzehnte, wenigstens schrittweise einige Erneuerungen vorzunehmen, befand sich die Brauerei in einem äußerst kritischen Zustand. Es bedurfte dringend einer grundlegenden Neuordnung der gesamten Betriebsstruktur.
Spätestens in dieser Zeit, 1961, mussten Profis erkannt haben, dass mittelgroße und mittelpreisige Brauereien ohne großen Namen und ohne Markenprofil im Ringen um die Kundschaft früher oder später auf der Strecke bleiben würden, oder von größeren Brauereien übernommen werden.
Aus dieser Erkenntnis heraus stellte sich die Schlitzer Brauerei das Ziel, innerhalb der nächsten 10 Jahre, mit möglichst eigenen Mitteln, unter größter Sparsamkeit, einen bescheidenen aber modernen Brauereibetrieb, mit einer Kapazität bis zu 70 000 hl und mit außergewöhnlichen Spezialbieren auf gehobener Preisschiene, zu erschaffen.
Um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es einer fachlich gut ausgebildeten, möglichst selbstständig arbeitenden Belegschaft. Die Altersstruktur des Betriebes musste verändert und der kontinuierlichen Ausbildung von Lehrlingen höchste Priorität eingeräumt werden. Aus Altersgründen ausscheidende Mitarbeiter sollten in Zukunft ausschließlich durch professionelle Handwerker wie Schlosser, Elektriker, Maurer und Schreiner ersetzt werden, die in einem modernen Betrieb für die Zukunft nicht mehr wegzudenken und dringend benötigt waren.

Das Konzept umfasste:
1. Eine Sortimentsbereinigung bei den Bieren.
2. An-, Um- und Neubau der Brauerei auf eine Kapazität von max. 70.000 hl.
3. Beschaffung der erforderlichen Einrichtungen.
4. Dringende Erweiterung der Lager- und Gärkellerkapazitäten.
5. Neuorganisation des Vertriebes mit den erforderlichen Garagen und Parkplätzen.
6. Verbesserung der Gesamtansicht.
7. Umstellung der gesamten Werbung auf Bier aus Schlitz, mit dem Auerhahn als Markenzeichen.

Diese Maßnahmen wurden mit Fritz Otterbein abgestimmt und sowohl der Braumeister als auch die Belegschaft entsprechend unterwiesen.
Friedrich Metzendorf, mit den baulichen Verhältnissen der Brauerei bestens vertraut, wurde mit der Ausführung sämtlicher Baumaßnahmen beauftragt. Des Weiteren erhielt Metzendorf den Auftrag, den Sengelbach innerhalb der Brauerei zu verrohren. Der Bach führte bei Hochwasser allerlei Unrat und Abfall mit sich, welcher sich im und am Bachbett ablagerte, so- dass er nicht in die Schlitz ablaufen konnte und so der Gesamtansicht von Brauerei und „Burgenblick“ kein einladendes Bild verlieh. An der Herrengartenstraße wurde ein Auffangrechen eingebaut, der nach Hochwasser von der Brauerei gereinigt wurde.
In diesem Zusammenhang wurde auch die vollständige Einfriedung des gesamten Brauereiareals durchgeführt.
Nachdem Fritz Otterbein in voller Erkenntnis der seinerzeitigen Situation und der Dringlichkeit der zu treffenden Maßnahmen für die ratenweise Finanzierung einstand, waren auch die Gesellschafter, unter gewissen Auflagen, im Vertrauen auf Fritz Otterbein bereit, diesem Investitionsprogramm zuzustimmen.
Die Bauaufträge wurden dem Bauamt Lauterbach und dem Amt für Umwelt und Denkmalschutz in Wiesbaden eingereicht. Von Wiesbaden kam ein gewisser Dr. Müller um die Angelegenheit vor Ort zu begutachten. Dr. Müller veranlasste die Genehmigung unter strenger Einhaltung der festgelegten Bauhöhe, einschließlich der im Bauplan eingezeichneten Einbauten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werden sollten.
Nach Eingang der Genehmigung aus Wiesbaden wurde mit den Bauarbeiten begonnen.
Die Energieversorgung hatte Vorrang und umfasste:
1. Einbau eines Dampfkessels mit den entsprechenden Einrichtungen.
2. Überholung des Sudhauses mit Einbau einer Stahlbaufeuerung, Economiser etc.
3. Eine Wasseraufbereitung mit Enthärtungs- und Entsäuerungsanlagen.
4. Eine Kaltwasserreserve, zugleich Löschwasserreserve, in einem ehemaligen Eiskeller unter der Schlosserei.
5. Eine Warmwasserreserve.
6. Eine Trafostation für 20.000 Volt einschließlich niederspan-nungsseitiger Stromabnahme.
Diese ersten Schritte wurden noch 1963 durchgeführt und die gesamte Energieversorgung konnte 1964 in Betrieb genommen werden.

Fritz Otterbein war kein Mann schneller und leichtfertiger Entschlüsse. Durch seine jahrzehntelange Erfahrung auf dem Brauereisektor, waren ihm technische Details nicht fremd und er dadurch für jede Erneuerung für eine wirksame Betriebsentwicklung aufgeschlossen.

Seine angeborene Bescheidenheit, seine ausgeprägte Sparsamkeit, seine bedingungslose Korrektheit haben der Brauerei über Jahrzehnte hinweg seinen Stempel aufgedrückt.
Ein Beispiel für seine akribische Korrektheit soll hier nicht unerwähnt bleiben:
Im April 1963 fand im Rahmen einer allgemeinen Steueraufsicht eine „Betriebsprüfung Zoll“ durch zwei Prüfer der Oberfinanz-Direktion des Betriebsprüfungsbezirkes Frankfurt/ Main statt. Die Prüfung erstreckte sich auf 14 Tage und umfasste:

1. Prüfung der Betriebsgebäude und der Betriebseinrichtungen, einschließlich der Betriebsanmeldungen, Anlageverzeichnisse, Bilanzstände usw.
2. Prüfung der Beschaffung, Lagerung und Verwendung der Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe.
3. Prüfung sämtlicher Verfahren und Stufen der Herstellung.
4. Prüfung der Ausbeute- und Schwundverhältnisse sämtlicher Herstellungsverfahren und Stufen.
5. Prüfung des Vertriebes.
6. Prüfung der fortlaufenden, vollständigen und richtigen Führung der Maßnahmen zur Sicherung und Durchführung der Steueraufsicht.
7. Prüfung der Maßnahmen zur Sicherung und Durchführung der Steueraufsicht.

Größere Beanstandungen ergaben sich nicht. Die steuerlichen Auswirkungen waren gering, es wurden 42,19 DM nachträglich erhoben, für den nicht versteuerten Haustrunk.
Aus der Brauerei Gebrüder Otterbein in Schlitz existiert noch ein sehr schönes Bierglas mit einem vorzüglich gelungenen Dekor „Urhahnquell Pilsener“. Gläser mit diesem Dekor sind eine Rarität, woraus zu schließen ist, dass diese Werbung nur von kurzer Dauer war und wegen der Ähnlichkeit mit dem Original „Pilsner Urquell“ nicht mehr geführt werden durfte. Ansonsten hätte man diese Werbung nicht so leicht aufgegeben. Pilsener Bier war jedenfalls in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts bei uns weder bekannt noch gefragt.
In der Auerhahn-Bräu Brauerei wurde das erste Bier nach Pilsner Brauart 1963 in der Region gebraut und als erstes höherwertiges Bier auf den Markt gebracht. Bis dahin führte die Brauerei lediglich ein „Exportbier“ und ein „Malzsüßbier“, an dessen Stelle ein obergäriges Malzbier gebraut wurde, das als „Kurmalz“ in den Handel kam.
Mit der Sortenbezeichnung wurde es zeitweise nicht so genau genommen. So ist noch aus den 60er Jahren bekannt, dass eine Brauerei ihr einziges Bier mit Original Pilsner Export etikettiert hatte. …..
Die geplanten Bauarbeiten für Flaschenfüllerei, Filterraum, Drucktankraum und Fassfüllerei waren voll im Gange und sollten bis 1964 abgeschlossen sein.

Das Projekt der Flaschenfüllerei umfaßte im 1. Bauabschnitt:
1. Die Flaschenfüllerei mit der Möglichkeit zur Erweiterung.
2. Eine Vollguthalle.
3. Eine Leerguthalle.
4. Einen Schaltschrank.
5. Eine Flaschenreinigungs- und Füllanlage für vorerst 8.000 bis max. 10.000 Fl./Stunde.
6. Einen Auspacker.
7. Einen Einpacker.
8. Die zugehörige Transporteinrichtung.
9. Einen Durchlauferhitzer für Pasteurisation von Malzbier.
Für einen späteren Zeitpunkt war vorgesehen:
10. Eine Kastenwaschmaschine und ein Gabelstapler.

Mit einer Kapazität von etwa 8.000 bis 10.000 hl/Stunde war die Leistungsfähigkeit der Flaschenfüllerei für einige Jahre sichergestellt. Im Füllbetrieb sollten nur zwei Flaschentypen zum Einsatz kommen, die 0,5 Liter Bügel- bzw. Euroflasche und die 0,3 Liter „Steinieflasche“. Beide Flaschen haben den gleichen Durchmesser und gewährten in Zukunft eine wirtschaftliche Arbeitsweise ohne Umstellungen mit den entsprechenden Ausfallzeiten. Während der Umstellungen war dies leider noch nicht immer möglich.
Die Bauarbeiten konnten 1964 abgeschlossen werden und die Füllerei in Betrieb genommen werden.
1964 kam der 1. Sud des Neuen Urhahn-Alt zum Ausstoß und ergänzte somit die Palette der höherwertigen Biere um eine weitere bedeutende Spezialität.
Dieser Biertyp zeichnete sich durch seinen besonderen obergärigen Charakter, seine besondere Brauart und nicht zuletzt durch eine bestimmte Nachhopfung mit edlem Naturhopfen aus. Die Biere der Schlitzer Brauerei wurden ganz bewusst mit einem etwa 50%gen Anteil an Naturhopfen gebraut. Sinn und Zweck der Neuschöpfung war es, ein außergewöhnliches Spezialbier auf den Markt zu bringen, das sich u.a. durch seine betonte Hopfenblume geschmacklich merkbar von den herkömmlichen Bieren abheben sollte, um so einen zusätzlichen Kundenstamm zu gewinnen, welcher diesen speziellen Geschmack bevorzugte. Im 1. Monat seines Bestehens konnten ganze 50 Liter Bier verbucht werden, ein bescheidener aber hoffnungsvoller Anfang.
Widerstand und Skepsis, selbst aus eigenen Reihen, musste überwunden werden- „neue Kräm“.
Das nächste Spezialbier von dem sich die Brauerei große Chancen erhoffte, war das nach echt bayerischer Brauart hergestellte Weizenbier. Es sollte vorerst in der alten Bügelverschlussflasche in Flaschengärung als Urweizen und als hefefreies Champagner Weizen auf den Markt kommen. Dieses Bier war nördlich des Mains so gut wie unbekannt, erfreute sich jedoch in Bayern seit altersher großer Beliebtheit. Um einen erfolgreichen Start gewährleisten zu können, bedurfte es ausreichender Gär- und Lagerkapazität.

Der Engpass der Brauerei

Die Limo Getränke mit ihren unterschiedlichen Flaschentypen stellten eine riesige Belastung, besonders in der Flaschenfüllerei dar. Die absolute Unwirtschaftlichkeit dieses Getränkesektors war seit Jahren bekannt. Die angestellten Überlegungen, die Limo Getränke als Handelsware zu beziehen, konnten jedoch aus mancherlei Gründen nicht realisiert werden. Die nunmehr dringliche Notwendigkeit des Einsatzes der vorhandenen Kapazitäten für die Bierherstellung – abgesehen von unzureichenden Marktpreisen- ließen die Fortführung dieses Produktionsbereiches nicht mehr gerechtfertigt erscheint, zumal der Ausstoß 1965 bereits 30 000 hl überschritten hatte und der Flaschenbieranteil auf 7,4 % gestiegen war.
Erfahrungsgemäß ist die Abfüllung von Bier und Limo Getränken auf ein- und derselben Anlage nicht empfehlenswert. Eine Beeinträchtigung der Bierqualität ist dabei nie ganz auszuschließen. In 1965 wurde die Eigenproduktion der alkoholfreien Getränke vollständig eingestellt.
1966 konnte die Eigenmalzproduktion der Brauerei eingestellt werden. Diese war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gerechtfertigt, da vollkommen unwirtschaftlich. Die Bereitstellung einer ausgewählten Gerstensorte an die Landwirte, die Einflussnahme auf sachgerechte Düngung und Behandlung der Gersten gewährten immer ein vorzügliches Braumalz, auf das die Brauerei, gerade in Umbruchzeiten, nicht verzichten wollte.
Mit der Stilllegung der Mälzerei ergab sich die Möglichkeit, ein schon lange fehlendes Kommunikationszentrum in eine umgebaute Tenne einzurichten. Hier sollten in Zukunft Gäste, Gastwirte, Verleger und Vereine etc. empfangen werden, bewirtet und mit den Leistungen der Brauerei vertraut und vor allem mit den neuen Bieren bekannt gemacht werden.
Die Tenne bewährte sich als der ideale Platz für Werbung und Pflege der Verbundenheit mit der Kundschaft.
Ursprünglich war der Besucherraum der Tenne mit 54 Sitzplätzen ausgestattet, was einer vollen Omnibusbesetzung entsprach.
Der vor der Tenne stehende überflüssige Austreberbottich konnte abgebaut werden und vor dem Sudhaus eine moderne Austreberanlage errichtet werden. Daneben wurden die Förderrohre für die pneumatische Malzentleerung aus den Kontainerzügen zu den Malzsilos installiert. Die anstrengende Handarbeit der herkömmlichen Tennenmälzerei, auch an Samstagen, Sonn- und Feiertagen war nunmehr Geschichte.
Hier darf auch erwähnt werden, dass Auerhahn-Bräu bereits 1962 oder 1963 als erster Betrieb in Schlitz und vielleicht auch darüber hinaus, die arbeitsfreien Samstage eingeführt hatte. In 1966, nach der Umstellung der Limo Getränke auf Handelsware wurde die Euroflasche forciert eingeführt. Die Umstellung von der Bügelverschlussflasche mit der Holzkiste auf die Euroflasche mit dem entsprechenden Eurokasten war ein großes Risiko, denn es war vorauszusehen, dass der Kunde nicht so ohne weiters auf seine beliebte Bügelverschlussflasche verzichten würde…
Die Schlitzer Brauerei war eine der ersten Brauereien in Deutschland, die sich für diese Umstellung entschieden hatte. Manche regionale Brauerei hat die so entstandene Marktlücke ausgenutzt. Trotz des kommerziellen und hygienischen Vorteils dauerte es noch 5 Jahre, bis diese Flasche endgültig akzeptiert wurde und sich auch Großbrauereien gezwungenermaßen zur Umstellung entscheiden mussten.
Für den gesamten Maschinenpark der Brauerei war der gelernte Maschinenschlosser Heinrich Wagner zuständig. Wagner kam 1956 auch Chur/ Schweiz wo er als Betriebsschlosser speziell für Brauereimaschinen tätig war, zur Brauerei und hat noch mehrere Jahre mit Altmeister Heil zusammen gearbeitet. Neben allen anfallenden Reparaturarbeiten an den Maschinen war er insbesondere für die Einbringung, Aufstellung und Inbetriebnahme der neuen Anlagen zuständig,. Durch seine große Erfahrung war die Brauerei nur in Ausnahmefällen auf Spezialmonteure angewiesen. Er hat sich große Verdienste um die Brauerei erworben.
Bei dieser Gelegenheit sei auch des bewährten Automechanikers Herbert Hund gedacht, der als hervorragender und vielseitiger Könner den veralteten Fuhrpark immer wieder in verkehrstüchtigem Zustand erhalten hat. Dank Herbert Hund konnte die Brauerei auf mehrere Jahre die Kosten für Neuanschaffungen von LKWs ersparen. Herbert Hund verstarb 1974.
Auf ein gutes Betriebsklima mit selbstständigen Mitarbeitern wurde ganz bewusst großer Wert gelegt.
Die Richtlinien des Betriebes waren allgemein bekannt und so konnte die technische Leitung in die verantwortlichen Hände des Braumeisters Herbert Scheve und dessen Stellvertreters, Walter Becker übertragen werden.
Unter solchen Voraussetzungen war es dem Geschäftsführer möglich, sich des gesamten Vertriebs anzunehmen:
Kundenbetreuung, Kundenpflege; Pflege und Behandlung des Bieres, Einladungen von Verlegern, Gastwirten, Vereinen und sonstigen Kunden, rationelle Toureneinteilung und nicht zuletzt die Werbung neuer Kunden, speziell für Urhahn-Alt und Pils.
Dank Urhahn-Alt war es nunmehr möglich, mit Getränkebetrieben ins Gespräch zu kommen und evtl. neue Kunden zu gewinnen.
Der Werbeetat in 1967 betrug lediglich DM 34000,00. Die Außenwerbung beschränkte sich auf stabile Papiertragetaschen mit Aufschrift, stabile Flaschenöffner mit Wiederverschluss für Euro-Flaschen, Zeitungsannoncen etc.

Trotz der sehr beschränkten Werbemittel war es möglich, im Ballungsgebiet um Frankfurt/ Main einen neuen Kundenstamm aufzubauen:
Frankfurt/ Main, Offenbach, Friedberg, Neu-Isenburg, Taunuscenter, Darmstadt, Rüsselsheim, Kelsterbach, Fechenheim, Hanau, Stockheim u.v.a., welche sich teilweise zu guten Abnehmern entwickelten.
Mit ständigem Einsatz war dieses bewusst ausgewählte Gebiet noch erheblich auszubauen. Die Ziele des eingangs erstellten Konzeptes konnten bis 1967 voll erreicht werden.

Das Jahr 1967 war getrübt durch den nahestehenden Verkauf der Brauerei. Die Familie Otterbein trug sich nunmehr ernstlich mit dem Gedanken, ihre Anteile an der Brauerei zu verkaufen. Der Gesellschafter Graf Görtz war ursprünglich bereit, diese Anteile mitzuerwerben. Nachdem jedoch seine Frau, Gräfin Martha, 1964 verstorben war, zeigte auch er, sicherlich durch familiäre Veränderungen, ebenfalls Verkaufsbereitschaft.
Großes Interesse an der Brauerei zeigte eine Münchner Großbrauerei. Da die Stadt Schlitz an diesem Objekt leider nicht interessiert war und andere Bewerber nicht in Frage kamen, gaben die Gesellschafter den Freiherren Riedesel zu Eisenbach, die sich ernstlich um die Brauerei bemüht hatten den Zuschlag.
Wie Arthur Otterbein im Betrieb bekannt gab und wie auch Graf Görtz verlauten ließ, wurde letztendlich diese Entscheidung getroffen, weil damit die sicherste Gewähr für den Fortbestand des Betriebes gewährleistet sei. Dem haben auch die Käufer ausdrücklich zugestimmt. Es war das Geld, das die Gesellschafter der Schlitzer Brauerei veranlasste, über 400 Jahre Brautradition aufzugeben.
Die Brauerei war auf den sich seit Jahren abzeichnenden Kampf um die Hektoliter und den immer stärker werdenden Verdrängungswettbewerb bestens vorbereitet. Sie war durch beachtliche Erneuerungen gut eingerichtet. Die Zukunftsaussichten waren unter Befolgung des eingangs aufgestellten Konzeptes, dank der klugen und besonnenen Finanzpolitik von Fritz Otterbein, dank der selbstauferlegten einschneidenden Sparsamkeit und nicht zuletzt dank des verantwortungsvollen Einsatzes aller Mitarbeiter durchaus hoffnungsvoll.
Am 28. Dezember 1968 wurde die Auerhahn-Bräu von den Freiherren Riedesel zu Eisenbach erworben.
Als krönenden Abschluss einer 52jährigen Tätigkeit bei einem Unternehmen als Lehrling, Buchhalter, Finanzbuchhalter und Prokurist hätte Fritz Otterbein im Alter von 65 Jahren, 1968, in den Ruhestand gehen können, wurde jedoch noch weiter fünf Jahre bei den neuen Inhabern beschäftigt. In 1973 ist er endgültig ausgeschieden. Fritz Otterbein, dem die Brauerei zu großem Dank verpflichtet ist, verstarb in 1986 im Alter von 84 Jahren.
Alle die Fritz Otterbein kannten und mit ihm arbeiten konnten, werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.
In seinem letzten Jahresbericht für die Auerhahn-Bräu in 1968 heißt es:
Die Entwicklung des Betriebes stand in 1968 ganz unter dem Zeichen der Verschmelzung beider Brauereien. Allgemein kann gesagt werden, dass der Großteil unserer Kundschaft dieser Transaktion skeptisch gegenüberstand und auch weiterhin alle Veränderungen, die nach außen ersichtlich sind, kritisch beobachtet.
Wenn trotzdem der Vorjahresausstoß in etwa erreicht wurde, so können wir mit diesem Ergebnis zufrieden sein.
Der Gesamtausstoß betrug 1968 33.263 hl gegenüber 1967 33.111 hl.
Der Anteil Fassbier 1967 12.611 hl ist erfreulicherweise auf in 1968 12.763 hl gestiegen, wobei das Flaschenbier mit 20.500 hl konstant blieb.
Der Anteil an Urhahn-Alt 1967 2.349 hl ist auf 1968 5.177 hl gestiegen.